21 Dec 2009

Wochenende in Amsterdam (2 m u.n.N)

Verfasst von Rainer Frank

Centraal Station Amsterdam

Endlich besuche ich mal meinen guten Freund Simon in Amsterdam und kehre den Bergen dieses Wochenende also den Rücken. Das ist übrigens kein Tippfehler: 2 m u.n.N, nicht ü.n.N., denn Amsterdam liegt zu großen Teilen unter dem Meeresspiegel.
Am Freitag mache ich mich mit dem Flieger um 14:50 Uhr auf nach Amsterdam, um mich dort um 17:30 mit Simon zu treffen. Hier klappt auch gleich alles, wie am Schnürchen. Noch schnell ein Ticket für den öPNV gelöst und dann nach Hause zu Simon. Die nächsten zwei Nächte darf ich in einer sehr charmanten ziemlich zentral und direkt an der Gracht gelegenen Altbauwohnung verbringen. Mindestens im Bezug auf die Isolierung dieser Wohnung, vertraut man hier noch auf einen „anderen Standard“, als ich ihn aus meiner gut isolierten Neubauwohnung gewohnt bin.
Nach einem gemütlichen Frühstück am Samstag erkunden wir die Stadt zu Fuß und wärmen uns immer wieder in einem Laden oder einem Café auf, da auch Amsterdem mittlerweile vom Winter heimgesucht wurde.
Sehr bemerkenswert an dieser Stadt: die Häuser sind allesamt eng und größtenteils schief. Damit man trotz SEHR schmaler Treppenhäuser den großen Ohrensessel in den dritten Stock bekommt, hat man bei einer Vielzahl der Altbauhäuser am Giebel einen Haken angebracht, an dem dann der Seilzug befestigt werden kann. Praktischer Weise sind eine Vielzahl der Häuser stark nach vorne geneigt, so dass schwere Lasten nicht an der Hauswand entlang scheuern, sondern immer ein kleines Stück entfernt baumeln. Simon und ich konnten nicht zur beiderseitigen Überzeugung klären, ob diese Neigung, wie Wikipedia behauptet, auf die verrotteten und einsinkenden Pfähle zurückzuführen ist, auf denen die Stadt errichtet ist, oder ob die Häuser absichtlich zu oben genanntem Zweck so errichtet wurden. Ich glaub ja eher an die Pfahl-Theorie, wobei in der Tat bemerkenswert ist, dass die Häuser immer nur nach vorne, aber nie nach hinten geneigt sind.
Ein zweiter bemerkenswerter Eindruck dieser Stadt sind die sehr tiefen Einblicke, die man durch die Fenster der Amsterdamer Bevölkerung bekommt. Vorhänge werden in aller Regel nicht zugezogen (wohl nur in ganz bestimmten Momenten); häufig sieht man nicht nur in das Haus rein, sondern auf der anderen Seite auch wieder raus. Insbesondere bei den Wohnungen im Erdgeschoss ist man oft nicht sicher, ob es sich um einen Privathaushalt oder eher um eine Küchenausstellung handelt. Die Verwechslungsgefahr mit richtigen Schaufenstern ist immer wieder mal gegeben.
Nach einem ebenso gemütlichen Sonntag, den wir zu einem großen Teil noch in einer Ausstellung über den Oman verbrachten, mache ich mich auf den Weg zum Flughafen, um meinen Flieger um 19:10 Uhr zu erreichen. Am Hauptbahnhof ist die Hölle los. „There is very limited train traffic possible, due to the bad weather circumstances“. Es hat ein bisschen (ok, bisschen viel) geschneit und die Niederländer stellen jegliche Art des Personenverkehrs ein. Aber die niederländische Bahn ist fair und weiß, dass sie jetzt nix mehr taugt. Eine Anzeige sagt sinngemäß aus: Fahr bloß nicht mit dem Zug, sonst kommst Du wahrscheinlich nicht an! (frei übersetzt). Ich fahre dennoch mit dem Zug Richtung Schiphol Airport. Zug ist möglicherweise übertrieben, denn erstens erinnert der überfüllte Wagon eher an einen Viehtransporter und zweitens fährt er, nachdem er endlich losfährt, eher in Fahrradfahrer-Geschwindigkeit. Der Zugführer wird aber nicht müde den Reisenden zu sagen: due to the very bad weather circumstances there is very limited train traffic possible. Will sagen: sei froh, dass wir überhaupt fahren.
Viel zu spät treffe ich endlich am Flughafen an; eingechecked hab ich gott sei Dank online, also schnell durch die Sicherheit und auf zum Gate, wo laut letzter Information der Anzeigentafel der Flieger pünktlich (!) starten soll. Im Laufschritt erreiche ich das Gate und stelle dort fest: Flight cancelled. Na toll. Es gibt eine schier endlose Schlange, an der man sich anstellen kann, wenn man umbuchen will. Ein Wortwechsel, den ich aufgeschnappt habe: „Da stell ich mich nicht an, da stehen wir bestimmt 30 Minuten“ – „30 Minuten? Bist Du blöd? Du brauchst 30 Minuten um die Schlange einmal von vorne bis hinten abzulaufen. Da stehen wir Tage!“
Ich stelle mich an einer ganz kurzen Schlange am Info-Desk an, um zu erfragen ob heute überhaupt noch was passiert. Antwort: such dir eine warme Schlafgelegenheit. Mit dem Flugzeug kommst Du hier heute nicht mehr weg.
Also zurück nach Amsterdam, wo ich – danke nochmals an Simon – noch eine Nacht verweilen darf. Von dort aus buche ich meinen Flug auf Sonntag, 08:50 um. Das hat auch nur 30 Minuten in der Warteschleife der 01805-Nummer von Lufthansa gekostet (Simon, da hast Du noch was gut!)
Am nächsten morgen checke ich noch mal schnell die Lage: der Frühflug um 7 Uhr ist schon gecancelled, meiner angeblich pünktlich. Also verlasse ich gegen 6:40 das Haus und gehe zur Trambahnstation. Nächste Trambahn laut Anzeige um 7:20. Ich gehe also zu Fuß zum Hauptbahnhof und sehe auf der Strecke warum: Gleise offenbar eingefroren. Ungefähr 10 Mann von den Amsterdamer Verkehrsbetrieben versuchen die Gleise Schnee- und Eisfrei zu bekommen, mit mäßigem Erfolg.
Am Hauptbahnhof steht noch immer die Anzeige, die mir sagt: Fahr nicht mit dem Zug. Andere Anzeigen gibt es keine, also steige ich eher auf gut Glück in einen Zug, in dem viele andere Passagiere mit Koffern einsteigen. Und der fährt dann – viel zu spät und sehr sehr langsam und wie gestern hoffnungslos überfüllt – tatsächlich auch zum Flughafen. Nachdem ich noch nicht eingechecked bin hab ich es jetzt sehr eilig, denn laut Internet ist mein Flieger immernoch pünktlich. Nach gut 30 Minuten anstehen am Check-in stehe ich in etwa nochmal 20 Minuten am Security Check (jetzt wird es dann sehr knapp, zur Boarding-Time am Gate zu sein). Ich gehe also möglichst schnell durch die Schleuse….tüüüüt…“Sir, you are randomly selected for a detailed security check“…F***! weitere gute 10 Minuten später schaue ich auf die Anzeige und atme erstmal auf: Flight delayed – 09:30. Das passt ja ganz genau, bis ich am Gate bin ist dann genau Boardingtime. Aber Pustekuchen: als ich am Gate war stand dann 09:50 da, und während ich bei Starbucks mein Frühstück zu mir nehme hat es sich auf 10:50 geändert.
Um 11:00 hat die Maschine dann auch mal angedockt und musste „nur noch“ entladen, geputzt, getankt usw werden, bis wir rein konnten. Um 11:30 saß ich im Flieger. Mit 81 anderen Passagieren.
Blöd, denn laut Liste der Boden-Stewardess hätten es nur 80 sein dürfen. Nachdem sie durchgefragt hat, wer so alles an Board ist (Passenger Müller, is there a passenger Müller? And Lenbauer, is there anybody with the name Lenbauer?) ist ihr aufgegangen, dass nicht einer fehlt, sondern dass einer zu viel an Board ist. Irgendwann waren sich Stewardess und Boden-Stewardess trotzdem einig, dass es jetzt passt und dass eben 81 Leute an Board sind. Jetzt mischt sich aber der Pilot ein und weigert sich zu fliegen, solange wir nicht genau wissen, wer Person Nummer 81 ist. Irgendwann fliegen wir trotzdem, keiner wusste so genau warum, aber alle waren froh drum.
Back @ home um 15:00 Uhr. Ca. 17 Stunden nach geplanter Ankunft, aber schön wars trotzdem. Simon: vielleicht wiederholen wir das mal im Sommer, bei weniger „bad weather circumstances“? :-)

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